Die Grenzen der Welt

Eine Welterkundung


Chengdu

Chengdu

07.04.2026–12.04.2026

Nach Cheng­du fährt von Shan­gri-La aus ein­mal täg­lich ein direk­ter Hoch­ge­schwin­dig­keits­zug. Die Fahrt geht über Kun­ming und dau­ert zehn­ein­halb Stun­den. Da die ers­te und die zwei­te Klas­se bereits aus­ge­bucht waren, bin ich in der luxu­riö­sen und ziem­lich teu­ren Busi­ness­klas­se gefah­ren. Um danach wie­der Geld zu spa­ren, habe ich in Cheng­du in einem Hos­tel über­nach­tet, und zwar in einem Hos­tel der mir bereits aus Guang­zhou und Xia­men bekann­ten Desti-Ket­te.

Cheng­du ist die Haupt­stadt der chi­ne­si­schen Pro­vinz Sichu­an. Etwa 95 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Sichu­ans sind Han-Chi­ne­sen; im Wes­ten und Nor­den der Pro­vinz gibt es aller­dings auch Gebie­te mit vor­wie­gend tibe­ti­scher Bevöl­ke­rung. Bekannt ist Cheng­du für sei­ne Tee­kul­tur. Das ältes­te Tee­haus Cheng­dus, das Heming-Tee­haus, exis­tiert bereits seit 1923.

In den Tee­häu­sern Cheng­dus kann man nicht nur Tee trin­ken, son­dern oft wird dazu auch Unter­hal­tung gebo­ten. Als ich im Heming-Tee­haus war, gab es dort gera­de eine Sichu­an-Opern-Auf­füh­rung zu sehen. Die Ursprün­ge die­ser Oper lie­gen in der Zeit der Qin-Dynas­tie, und die Stadt Cheng­du gilt als die Wie­ge der Sichu­an-Oper.

Das Heming-Tee­haus befin­det sich im zen­tral gele­ge­nen Volks­park, der auf chi­ne­sisch Ren­min Gon­gyu­an heißt. An einer Stel­le die­ses Parks gibt es einen Hei­rats­markt, wo Män­ner blaue und Frau­en rosa­far­be­ne Zet­tel auf­hän­gen, auf denen die gewünsch­ten Eigen­schaf­ten ihres zukünf­ti­gen Ehe­part­ners mög­lichst prä­zi­se auf­ge­lis­tet wer­den. Oft sind es aller­dings die Eltern, die Ehe­part­ner für ihre Kin­der suchen und sol­che Zet­tel auf­hän­gen.

An einer Ecke des Volks­parks steht ein Denk­mal für die Mär­ty­rer der Eisen­bahn­schutz­be­we­gung, die zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts gegen einen von der Qing-Regie­rung geplan­ten Ver­kauf loka­ler Eisen­bahn­pro­jek­te an aus­län­di­sche Ban­ken gerich­tet war. Eine Revol­te die­ser Eisen­bahn­schutz­be­we­gung war einer der Aus­lö­ser der Xin­hai-Revo­lu­ti­on von 1911, die schließ­lich zum Sturz der Qing-Dynas­tie und der Errich­tung einer chi­ne­si­schen Repu­blik führ­te.

Ein bedeu­ten­des bud­dhis­ti­sches Klos­ter in Cheng­du ist das Wen­shu-Klos­ter. Ursprüng­lich stammt es aus der Zeit der Sui-Dynas­tie oder der nach­fol­gen­den Tang-Dynas­tie und hieß zunächst Xin­jiang-Klos­ter; in Wen­shu wur­de es erst 1681 umbe­nannt. Zur Zeit der Tang-Dynas­tie wur­de der Bud­dhis­mus in Chi­na stark geför­dert.

Am Rand des Wen­shu-Klos­ters gibt es ein vege­ta­ri­sches Restau­rant und ein Tee­haus. Ich habe dort den Tee »24 Solar Terms Spe­cial Pure Bright­ness« getrun­ken.

Ein dao­is­ti­scher Tem­pel ist der Qin­gyang-Palast. Er gehört der Quanz­hen-Schu­le des Dao­is­mus an, die von Wang Zhe im 12. Jahr­hun­dert gegrün­det wur­de und eine tole­ran­te Ein­stel­lung gegen­über dem Kon­fu­zia­nis­mus und dem Bud­dhis­mus pflegt. Quanz­hen heißt »Voll­kom­me­ne Wirk­lich­keit«. Die Quanz­hen-Schu­le war die ers­te Schu­le des Dao­is­mus, in der Mön­che zöli­ba­t­är in Klös­tern leb­ten. Zen­tra­le Tugen­den die­ser Schu­le sind Armut und Aske­se.

Ein bekann­tes Thea­ter für die Auf­füh­rung von Sichu­an-Opern ist Shu­feng Yayun. Es gibt täg­lich zwei Abend­vor­stel­lun­gen, zu denen Tee gereicht wird. Die Vor­stel­lun­gen sind regel­mä­ßig aus­ver­kauft.

Bekannt ist die Sichu­an-Oper für schnel­le Mas­ken- und Rol­len­wech­sel, die als Bian Lian bezeich­net wer­den.

Fahrt zur Panda-Station und zum Großen Buddha von Leshan

09.04.2026

Die berühm­te Pan­da-For­schungs- und Zucht­sta­ti­on liegt etwa 10 km nörd­lich von Cheng­du. Aller­dings ist es etwas müh­sam, sie mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln zu errei­chen. Ich habe daher eine orga­ni­sis­er­te Tages­tour gemacht, auf der es nach der Pan­da-Sta­ti­on auch noch zum Gro­ßen Bud­dha von Leshan ging.

In der Pan­da-Sta­ti­on leben heu­te leben etwa 100 Pan­das, und zwar vor allem die gefähr­de­ten Gro­ßen Pan­das. Der Gefähr­dungs­sta­tus der Gro­ßen Pan­das wur­de 2016 aller­dings von »stark gefähr­det« auf »gefähr­det« her­ab­ge­setzt.

Auch soge­nann­te Rote Pan­das gibt es in der Zucht­sta­ti­on. Die­se sind wei­ter­hin als »stark gefähr­det« ein­ge­stuft.

Dann ging es zum Gro­ßen Bud­dha von Leshan. Leshan liegt von Cheng­du aus in der ent­ge­gen­ge­setz­ten Rich­tung, etwa 130 km süd­lich. Der Gro­ße Bud­dha befin­det sich in der Nähe der Stadt am Zusam­men­fluss der drei Flüs­se Min Jiang, Dadu He und Qin­gyi Jiang. Er wur­de zur Zeit der Tang-Dynas­tie, in der der Bud­dhis­mus in Chi­na eine Blü­te­zeit erleb­te, zwi­schen 713 und 803 durch bud­dhis­ti­sche Mön­che aus dem Fels gehau­en und ist mit einer Höhe von 71 Metern und einer Brei­te von 28 Metern der welt­größ­te Bud­dha aus Stein. Die Bema­lung des zum UNESCO-Welt­erbe gehö­ren­den Bud­dhas ist in den letz­ten Jah­ren durch sau­ren Regen stark ver­blasst.

Neben dem Bud­da führt eine Trep­pe nach unten, wo man dann eine ande­re Sicht auf den Bud­dha hat.

Etwa 80 Jah­re älter als der Gro­ße Bud­dha ist der Lin­gy­un-Tem­pel, der sich in der Nähe auf dem Qilu­an-Gip­fel des Lin­gy­un-Ber­ges befin­det. Auch er ist Teil der Welt­erbe­stät­te des Gro­ßen Bud­dha.

Am Fluss Min Jiang steht die begeh­ba­re Ling­bao-Pago­de.

Qingcheng Shan

11.04.2026

Der Berg Qing­ch­eng Shan, 68 km öst­lich von Cheng­du gele­gen, ist einer der Grün­dungs­or­te des reli­giö­sen Dao­is­mus und ist als sol­cher in die Lis­te des UNESCO-Welt­erbes auf­ge­nom­men wor­den. Aller­dings sind die meis­ten Tem­pel, die sich heu­te auf dem Berg befin­den, Rekon­struk­tio­nen aus neue­rer Zeit, da bei einem Erd­be­ben am 12. Mai 2008 mit 70.000 Todes­op­fern auch fast alle alten Tem­pel zer­stört wur­den.

Ich bin mit dem Zug von Cheng­du aus zum Bahn­hof Qing­ch­eng Shan gefah­ren. Von dort aus fährt ein Shut­tle­bus wei­ter zum Berg, wo man sich dann für einen von zwei Haupt­be­rei­chen des Bergs ent­schei­den muss. Im vor­de­ren Bereich befin­den sich die bedeu­ten­den dao­is­ti­schen Tem­pel; im hin­te­ren Bereich kann man dage­gen aus­ge­dehn­te Wan­de­run­gen durch die Natur machen. Bei­des an einem ein­zi­gen Tag schafft man nicht. Ich habe den vor­de­ren Bereich gewählt, was aller­dings fast alle machen. Eigent­lich woll­te ich am Qing­ch­eng Shan ja einen ruhi­gen und medi­ta­ti­ven Tag ver­brin­gen, war dann aber über­rascht, wie vie­le Tou­ris­ten es dort gab. Für eine medi­ta­ti­ve Atmo­sphä­re soll­te man dann doch bes­ser den hin­te­ren Bereich wäh­len.

Am Ein­gang zum Qing­ch­eng Shan muss man zuerst ein Ticket kau­fen, aber noch vor dem Ein­gang befin­det sich bereits der ers­te Tem­pel, der Jian­fu-Palast. Er stammt ursprüng­lich aus der Zeit der Tang-Dynas­tie, wur­de jedoch mehr­mals restau­riert. Die heu­ti­gen Gebäu­de stam­men aus der spä­ten Qing-Zeit.

Vom Ticket­häus­chen aus geht es dann zunächst hin­auf zum Yue­ch­eng-See. Dort kann man ent­we­der am Ufer ent­lang wei­ter­wan­dern oder den See mit einem Boot über­que­ren. Ich bin gewan­dert.

Auf der ande­ren Sei­te des Sees befin­det sich die Tal­sta­ti­on einer Seil­bahn; die Seil­bahn war aber gera­de nicht in Betrieb. Also bin ich wei­ter zum Shang­qing-Palast gewan­dert. Der Shang­qing-Palast, einer der High­lights des Qing­ch­eng Shan, stammt ursprüng­lich aus der Jin-Zeit. Sei­ne heu­ti­ge Gestalt erhielt er aber erst in der Qing-Zeit.

In einem Gebäu­de in der Nähe des Shang­qing-Palas­tes gab es in einem vege­ta­ri­schen Restau­rant ein soge­nann­tes »dao­is­ti­sches Mit­tag­essen«, was immer das auch bedeu­ten mag.

Gestärkt ging es nach dem Mit­tag­essen zum höchs­ten Gip­fel des Qing­ch­eng Shan, den Peng­zu-Gip­fel, wo sich in 1260 Metern Höhe der Lao­jun-Pavil­lon befin­det. Auch der Lao­jun-Pavil­lon wur­de bei dem Erd­be­ben 2008 zer­stört und ist danach wie­der­auf­ge­baut wor­den.

Vom Lao­jun-Pavil­lon ging es wie­der berg­ab zum wich­tigs­ten Tem­pel des Qing­ch­eng Shan, den Tian­shi-Tem­pel.

In einer Höh­le die­ses Tem­pels, der Him­mels­meis­ter-Grot­te, pre­dig­te im zwei­ten Jahr­hun­dert der Mys­ti­ker Zhang Dao­ling. Nach­dem ihm im Jahr 142 Lao­zi erschie­nen ist, grün­de­te er die Fünf-Schef­fel-Reis-Bewe­gung und fühl­te sich als Him­mels­meis­ter dazu beru­fen, gegen das Cha­os in der Welt vor­zu­ge­hen und die »Herr­schaft der drei rei­nen Him­mel« zu errich­ten.

Die Fünf-Schef­fel-Reis-Bewe­gung wird als die ers­te orga­ni­sier­te Form des Dao­is­mus und als der Beginn des soge­nann­ten reli­giö­sen Dao­is­mus (im Gegen­satz zum phi­lo­so­phi­schen Dao­is­mus) ange­se­hen. Sie hieß so, weil deren Anhän­ger eine Steu­er von fünf Schef­feln Reis an die Bewe­gung zah­len muss­ten. Spä­ter orga­ni­sier­te Zhang Dao­lings Enkel und Nach­fol­ger Zhang Lu einen Auf­stand gegen die damals herr­schen­de Han-Dynas­tie und grün­de­te in Sichu­an einen dao­is­ti­schen Staat, der aller­dings nur 30 Jah­re lang Bestand hat­te.

Im Hof des Tian­shi-Tem­pels steht ein alter Gink­go-Baum, der noch von Zhang Dao­ling gepflanzt wor­den sein soll und somit mehr als 1800 Jah­re alt wäre.

Spä­ter ent­stand aus der Fünf-Schef­fel-Reis-Bewe­gung der soge­nann­te Him­mels­meis­ter-Dao­is­mus, den es noch heu­te in Chi­na und auf Tai­wan gibt. Der Haupt­sitz der Him­mels­meis­ter ist aller­ding nicht der Qing­ch­eng Shan, son­dern der Long­hu Shan in der Pro­vinz Jian­gxi.


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