Die Grenzen der Welt

Eine Welterkundung


Koyasan

Koyasan

09.11.2025–11.11.2025

Um mit dem Zug von Nara nach Koya­san zu fah­ren, fährt man ent­we­der zunächst nach Osa­ka, oder man nimmt eine kür­ze­re Stre­cke mit einem lang­sa­men Lokal­zug. Die Fahrt dau­ert in bei­den Fäl­len etwa drei Stun­den. Ich habe den lang­sa­men Lokal­zug genom­men. Da Koya­san auf einem Berg liegt, ende­te der Zug bereits vor­her in Goku­ra­ku­ba­shi, von wo aus die Nan­kai­koya­san-Seil­bahn auf den Berg Koya fährt. Von der Berg­sta­ti­on der Seil­bahn aus gibt es einen Bus ins Zen­trum von Koya­san.

In Koya­san kann man in bud­dhis­ti­schen Tem­peln über­nach­ten. Trotz der hohen Prei­se sind die Tem­pel meis­tens aus­ge­bucht. Ich habe im Gäs­te­zim­mer des ver­gleichs­wei­se preis­wer­ten Muryo­ko-in über­nach­tet. Das Zim­mer war aller­dings nur für eine Nacht frei, und die Nacht in einem ein­fa­chen Gäs­te­zim­mer im japa­ni­schen Stil hat knapp 100 Euro gekos­tet. Geschla­fen habe ich auf einer Futon­ma­tra­ze, die am Abend auf dem Boden aus­ge­brei­tet wur­de.

Am nächs­ten Mor­gen konn­te man um 6 Uhr an einer Medi­ta­ti­on teil­neh­men. Der Muryo­ko-in gehört, wie die meis­ten Tem­pel in Koya­san, zur bud­dhis­ti­schen Shin­gon-Schu­le, einer eso­te­ri­schen Schu­le des Bud­dhis­mus, und die Mor­gen­me­dia­ti­on war kei­ne Medi­ta­ti­on im übli­chen Sinn. Die Mön­che san­gen Man­tras und gin­gen dabei im Kreis her­um. An zwei Feu­er­stel­len wur­den Goma-Ritua­le abge­hal­ten. Die­se Ritua­le haben ihren Ursprung in der Vedi­schen Reli­gi­on; das Feu­er soll schäd­li­che Gedan­ken und Begier­den eli­mi­nie­ren. Spä­ter um 8 Uhr gab es im Tem­pel dann ein japa­ni­sches Früh­stück. Da ich nur eine Über­nach­tung im Tem­pel buchen konn­te, habe ich die fol­gen­de Nacht in einem Hotel in Hash­i­mo­to ver­bracht und bin danach noch für einen wei­te­ren Tag nach Koya­san gekom­men. Über­nach­tun­gen in Hash­i­mo­to sind bedeu­tend güns­ti­ger, und Hash­i­mo­to ist des­halb ein geeig­ne­ter Aus­gangs­punkt für preis­be­wuss­te Koya­san-Pil­ger.

Die Shin­gon-Schu­le des Bud­dhis­mus wur­de im Jahr 807 von dem Mönch Kukai, der auch unter dem Namen Kobo Dai­shi bekannt ist, gegrün­det. Im Zen­trum die­ser Schu­le steht die Ver­eh­rung des Bud­dhas Vai­ro­ca­na, eines kos­mi­schen Bud­dhas, der die Weis­heit aller Bud­dhas in sich ver­ei­nigt. Jeder Mensch kann gemäß die­ser Schu­le durch eso­te­ri­sche Prak­ti­ken in die­ser Welt zum Bud­dha wer­den und sich mit Vai­ro­ca­na ver­ei­ni­gen. Der japa­ni­sche Name von Vai­ro­ca­na ist Dain­chi-nyorai.

Der Haupt­tem­pel des Shin­gon-Bud­dhis­mus in Koya­san ist der Kon­go­bu-ji. Er wur­de 1593 von Toyo­to­mi Hidey­o­shi, dem zwei­ten der Drei Reichs­ei­ni­ger Japans, erbaut. Lei­der durf­te im Inne­ren der Tem­pel Koyasans nicht foto­gra­fiert wer­den. Statt­des­sen konn­ten im Novem­ber die Tem­pel­ge­bäu­de in Kon­trast zu den Far­ben der Herbst­blät­ter gesetzt wer­den.

Vom Kon­go­bu-ji aus führt ein Fuß­weg zum Tem­pel­kom­plex Garan.

Der Kon­do, das Haupt­ge­bäu­de des Garan-Kom­ple­xes, ist dem Medi­zin-Bud­dha Yaku­s­hi-nyorai gewid­met. Das Gebäu­de brann­te mehr­mals ab; das heu­ti­ge Gebäu­de stammt aus dem Jahr 1932.

Im Inne­ren der Pago­de Kon­pon Dai­to befin­det sich die Sta­tue des kos­mi­schen Bud­dhas Dain­chi-nyorai, der Haupt­gott­heit des eso­te­ri­schen Bud­dhis­mus. Auch die Pago­de brann­te mehr­mals ab und wur­de zuletzt 1937 rekon­stru­iert.

Der eso­te­ri­sche Bud­dhis­mus stellt sich die Welt in zwei ver­schie­de­ne Tei­le getrennt vor, in die phy­si­sche Welt, genannt Tai­zo-kai oder Gebär­mut­ter-Reich, und die Welt der Erkennt­nis, genannt Kon­go-kai oder Dia­mant-Reich. Die Sai­to-Pago­de sym­bo­li­siert das Dia­mant-Reich. Auch die Sai­to-Pago­de wur­de mehr­mals durch Brän­de zer­stört und ist zuletzt 1834 rekon­stru­iert wor­den.

Statt mit der Nan­kai­koya­san-Seil­bahn auf den Berg Koya zu fah­ren, kann man auch auf dem 23,5 km lan­gen Pil­ger­weg Choi­shi Michi in sie­ben Stun­den nach Koya­san pil­gern. Den Tem­pel­be­reich betritt man dann durch das Dai­mon-Tor.

Die let­zen 700 Meter des Pil­ger­wegs füh­ren auf einem Fuß­weg vom Dai­mon-Tor zum Tem­pel­kom­plex Garan.

Bis 1872 war es Frau­en nicht erlaubt, den Tem­pel­be­zirk Koyasans zu betre­ten. Sie konn­ten aber auf einem spe­zi­el­len Frau­en-Pil­ger­weg auf den Berg Koya pil­gern und dann, nach­dem sie das Dai­mon-Tor pas­siert hat­ten, zur etwa zwei Kilo­me­ter ent­fern­ten Nyo­nin-do-Hal­le gehen, wo es eine Pil­ger­her­ber­ge für Frau­en gab. Frü­her gab es auf dem Berg Koya noch sechs wei­te­re sol­cher Pil­ger­her­ber­gen für Frau­en.

Die Ver­wal­tung des Shin­gon-Bud­dhis­mus in Koya­san befin­det sich im Dai­shi Kyo­kai, aller­dings nicht im Tem­pel von 1915, son­dern in einem moder­nen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de. Besu­cher kön­nen hier an einer halb­stün­di­gen Jukai-Zere­mo­nie teil­neh­men und Sutras rezi­tie­ren. Am Ende wur­de jeder Teil­neh­mer mit sei­nem Namen auf­ge­ru­fen und erhielt vom Mönch ein Zer­ti­fi­kat über die Teil­nah­me.

Etwas abseits vom Tem­pel­be­zirk befin­det sich ein klei­nes Mau­so­le­um der Toku­ga­wa-Fami­lie. Errich­tet wur­de es 1643 vom drit­ten Toku­ga­wa-Sho­gun Iemit­su zur Ver­eh­rung der ers­ten bei­den Toku­ga­wa-Sho­gu­ne, sei­nes Groß­va­ters Iey­asu und sei­nes Vaters Hide­ta­da. Bestat­tet sind die­se bei­den Sho­gu­ne aller­dings nicht hier, son­dern in Nik­ko.

Bei mei­nem Besuch waren die Gebäu­de des Mau­so­le­ums ver­schlos­sen, und das Mau­so­le­um scheint auch von den meis­ten Tou­ris­ten links lie­gen gelas­sen zu wer­den. Anhand der vor den Gebäu­den auf­ge­stell­ten Bil­der konn­te man erah­nen, wie pracht­voll sie im Inne­ren gestal­tet sind.

Im Osten Koyasans befin­det sich der Oku­no­in, ein gro­ßer Fried­hof mit mehr als 2000 Grä­bern. Neben Mön­chen und Feu­dal­her­ren sind hier auch Fir­men­grün­der bestat­tet.

Am Ende eines etwa zwei Kilo­me­ter lan­gen Weges durch den Fried­hof gelangt man zum Gobyo, dem Mau­so­le­um Kukais, des Grün­ders der Shin­gon-Schu­le des Bud­dhis­mus. Kukai ist aller­dings nicht gestor­ben, son­dern war­tet hier seit 872 in einem Zustand der ewi­gen Medi­ta­ti­on auf die Ankunft Mai­trey­as, des Bud­dhas der Zukunft. Am Mau­so­le­um wur­de das Foto­gra­fier­ver­bot beson­ders streng gehand­habt. Es durf­te nur von der Fer­ne aus foto­gra­fiert wer­den.


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